
Kennen Sie das liebenswerte Stinktier Pepé Le Pew? Es ist einer der Zeichentrick-Lieblinge meiner Frau Sue. Es hat etwas Liebenswertes, ja sogar Romantisches, wie Pepé versucht, seine weiblichen Gefährtinnen herumzukriegen: Mit einem französischen Akzent und mit dem Versprechen, ihnen einen Stinktier-Bungalow zu bauen, in dem sich viele kleine Pepés tummeln. Solch ein Stinktier zu mögen ist gar nicht schwer; aber bitte nur auf der Leinwand und in freier Natur nur mit ausreichendem Sicherheitsabstand. Ähnlich denke ich auch über den US-Kongress. Alle zwei oder sechs Jahre, je nachdem, welche Kammer es ist, schmeißen seine Mitglieder sich in perfektes Make-Up, geben vor, den Wandel zu verkörpern, schwören, zu korrigieren, was falsch läuft, versprechen Haushalts-Disziplin anstatt verschwenderischer Defizite und dass sie sich anstrengen werden, dort den Haushalt auszugleichen, wo andere zuvor gescheitert sind. Oh Pepé – Mon Chéri! Aber glauben Sie den Politikern nicht und halten Sie sich stattdessen die Nase zu. Ach was, ich mache nur Spaß. Die Abgeordneten haben vielleicht keine schwarzen und weißen Streifen. Vielleicht zündet der wachhabende Sergeant auf dem Capitol Hill jedes Mal eine Stinkbombe, wenn der Kongress sich versammelt und der Hammer fällt, um anzuzeigen, dass die Abgeordneten wieder im Sinne der Wähler tagen. Vielleicht, vielleicht. Aber auf jeden Fall gilt: Bürger von Amerika, haltet euch die Nasen zu. Was Ihr bis jetzt gerochen habt, war noch gar nichts.
Natürlich spreche ich vom Haushaltsdefizit und davon, dass Washington unfähig ist, anzuerkennen, was schon längst außer Kontrolle ist: 75 Prozent des Bundes-Haushalts sind jedes Jahr von vornherein fest verplant für Leistungen, auf die US-Bürger Anspruch haben. Wenn die Politik sich diese Leistungsansprüche nicht zur Brust nimmt, wird uns bald der Gestank eines Eine-Billion-Dollar-Defizits entgegenwehen – und zwar zehn Meilen gegen den Wind. Es geht um Medicare, die Krankenversicherung für Ältere, Medicaid, die Krankenversicherung für Ärmere und um Social Security, die staatliche Rentenversicherung. Von den gesamten Staatsausgaben auf Bundesebene, die früher einmal von den Verteidigungsausgaben dominiert wurden, machen diese drei Kategorien 44% des Haushalts aus. Tendenz: steigend. Die verbleibenden frei verfügbaren Ausgaben für Bildung, Infrastruktur, Landwirtschaft und Wohnungsbau machen höchstens 25% des Bundeshaushalts von vier Billionen Dollar im Haushaltsjahr 2011 aus – die Ausgaben für Verteidigung und die Zinszahlungen auf die Staatsschulden sind dabei nicht berücksichtig. Abbildung 1 zeigt das deutlich. Die Bundesregierung könnte all diese Ermessensausgaben streichen und hätte trotzdem noch ein Defizit von fast 700 Milliarden Dollar. Deswegen, meine Stinker: Genug Pepé Le Pew-Romantik und anrüchige Versprechen. Das Geld steckt in den Leistungsansprüchen und dort muss es auch gestrichen werden.

Aber selbst wenn jemand diese Leistungen angehen würde; er würde kaum noch etwas ausrichten können. Schauen Sie sich nur die Daten des Finanzministers an, die darstellen, wie hoch der gegenwärtige Wert der zukünftigen Verpflichtungen aus den Sozial-Programmen ist:

Die oben dargestellten Multi-Billionen-Dollar-Bälle stellen zukünftige finanzielle Verpflichtungen des Staates dar – und ihre Implikationen sind niederschmetternd. Bedenken Sie vor allem, dass die oben dargestellten fast 65 Billionen Dollar an Leistungsverpflichtungen keine Schätzungen irgendwelcher künftiger Ausgaben sind. Nein, sie geben den abdiskontierten heutigen Wert der Ausgaben wieder, unter der Annahme, dass sie mit dem heutigen Tempo weitergehen (Bei der Berechnung wird eine jährliche Preissteigerung von einem Prozent zur Abdiskontierung verwendet). Zwar würden die ehrenwertesten Le Pews im Kongress entgegnen, dass die Ausgaben für Medicaid jedes Jahr aufs Neue bewilligt werden und daher keine diskontierten Reserven benötigen. Diese Worte allerdings sind weiter nichts als ein süßes Nichts – um bei der Sprache des romantischen Stinktiers zu bleiben. Die unglaubliche Realität ist, dass die 9,1 Billionen Dollar an Bundesschulden – in unserer Abbildung der zweitkleinste Ball – nichts sind verglichen mit noch nicht finanzierten künftigen Ausgaben für Medicaid und Medicare. Es ist, als würde man Pluto mit Saturn und Jupiter vergleichen. Ersterer, nämlich die 9,1 Billionen an gegenwärtigen Schulden des Finanzministers, verdient nicht einmal den Status eines Planeten in unserem Sonnensystem abdiskontierter zukünftiger Verpflichtungen. Er wäre eigentlich nur ein Asteroid, ein ziemlich großer allerdings.
Wie man es dreht und wendet, erscheint unsere Situation prekär. Nehmen wir einmal an, dass die 65 Billionen Dollar an zukünftigen Leistungs-Verpflichtungen schon komplett finanziert wären und das Geld sicher in einer Geldkassette läge. So stellen sich viele US-Bürger die Social Security tatsächlich vor. Nehmen wir das einfach mal an. Und nehmen wir auch an, dass die Zinsen für die Finanzierung dieser Staatsschulden ebenfalls bei Inflation + 1% liegen – dem gleichen Wert, den wir benutzt haben, um den abdiskontierten gegenwärtigen Wert der Leistungsversprechen zu berechnen. Tatsächlich ist das gar keine schlechte Schätzung für den durchschnittlichen Ertrag der gesamten US-Staatsschulden. Unter diesen Annahmen betrügen die Zinszahlungen für die insgesamt 75 Billionen Dollar Schulden für Social Security rund 2,6 Billionen – das liegt nahe am gegenwärtigen Niveau der Ausgaben für die Social Security, Medicaid und Medicare. Was bezahlen wir im Moment an Zinsen? Rund 250 Milliarden Dollar. Die Sozialversicherungs-Geldkassette würde also die Zinskosten um 2,3 Billionen Dollar steigern und das Haushaltsdefizit würde dadurch auf fast 20% des BIP steigen! Es gibt nur eine einfache Schlussfolgerung: Wenn man weder Sparer ausräuchern will, noch die Ausgaben für Leistungsverpflichtungen drastisch reduzieren möchte, dann stinkt das Ganze gewaltig.
Vorangegangene Kongresse und Regierungen haben sich darauf verlassen, dass wir aus dieser erdrückenden Schuldenlast herauswachsen können. Vielleicht könnten wir das, wenn es nur die 9,1 Billionen aus Abbildung 2 wären. Die entsprächen 65% des BIP und lägen im Rahmen dessen, was für Staatsschuldenlast zumutbar ist. Aber das ist nicht die Wirklichkeit. Schlaue Leute wie Pete Peterson von der Blackstone Group und die Venture Capital-Investorin Mary Meeker, haben sehr viel besser als ich und schon viel länger als ich aufgezeigt, dass die wahren, aber nicht ausgewiesenen Schulden des U.S-Finanzministeriums nicht nur 9,1 Billionen Dollar sind. Und dass sie auch nicht nur die 11 bis 12 Billionen sind, die häufig gezählt werden, wenn man die Verpflichtungen der verschiedenen Behörden und Bildungskredite mit einbezieht. Nein, es sind ganze 65 Billionen Dollar mehr! Dieses Land hat offenbar außerhalb seiner Bilanz eine nicht ausgewiesene Schuldenlast von fast 500% des BIP! Die Griechen sind nichts dagegen, liebe Leser.
Wenn diese Schlussfolgerung tatsächlich zutrifft und die USA ein Unternehmen wären, dessen Aktivposten und Verpflichtungen korrekt ausgewiesen wären, hätte es einen negativen Wert von 35 bis 40 Billionen Dollar. Diese Rechnung hat Mary Meeker aufgestellt und Koryphäen wie der ehemalige Fed-Chef Paul Volcker und Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York, haben diese Sicht in einem kürzlich erschienen Artikel mit dem Namen „USA Inc.“ unterstützt. Egal wie zutreffend und subjektiv diese Zahl ist, niemand würde einer solchen Firma Geld leihen. Denn wenn dieses Unternehmen eine eigene Gelddruckerpresse hätte so wie die USA, deren Währung zudem noch als offizielle globale Reservewährung gilt, dann wüsste der Geldgeber, beziehungsweise Sparer, dass der Ausweg aus dem Dilemma – mal abgesehen von Kürzungen bei den Leistungsversprechen – die Pleite in der einen oder der anderen Form ist. Vier Varianten sind möglich:
- ganz direkt, durch Außerkraftsetzen der Absprachen – das ist undenkbar
- verstohlen durch schnellere und unerwartet höhere Inflation – das ist wahrscheinlich, aber der Einfluss wird gering sein
- trügerisch durch einen schwächeren Dollar – das passiert gerade vor unseren Augen
- und heimlich durch Zentralbankzinssätze und Zinssätze für Staatsanleihen, die weit unter historischen Niveaus liegen – dadurch zahlt der Staat Sparern weniger für ihr Geld und hofft darauf, dass sie sich nicht beschweren
Wenn ich bei einer Anhörung vor dem Kongress stünde – schon aus Geruchsgründen in sicherer Distanz – und zu unserer gegenwärtigen Schuldenkrise als Sachverständiger aussagen müsste, würde ich kernig sagen:
“Ich stehe vor Ihnen als der Vertreter eines Vermögensverwalters, der 1,3 Billionen Dollar betreut, stark auf Anleihen setzt und der Treasuries verkauft hat, weil sie wenig wert sind angesichts einer Gesamt-Schuldenlast von 75 Billionen Dollar. Ich bin mir sicher, dass dieses Land seine Schulden nicht bezahlen wird, sollten künftige Leistungsversprechen nicht reduziert werden. Nicht auf konventionelle Weise, aber indem es den Sparern durch weniger leicht erkennbare, aber historisch belegbare Methoden in die Taschen greift: Inflation, Währungsabwertung und niedrige oder sogar negative Zinssätze. Unsere Kunden, zu denen Gewerkschaften, Städte, amerikanische und globale Pensionsfonds und ganz normale Bürger gehören, wollen nicht ausgenutzt werden und wollen auch nicht zum Opfer von Taschendieben werden. Um die Integrität des Marktes für US-Staatsanleihen mit seinen vorteilhaften Zinssätzen zu bewahren und eine stabile US-Wirtschaft zu fördern, ist es deshalb zwingend notwendig, die Ausgaben für Leistungszusagen zu kürzen. Zudem müssen zukünftige Verpflichtungen angegangen werden, etwa indem die Kosten für das Gesundheitswesen und die Sozialversicherung in Schach gehalten werden. Sie müssen die Leistungsansprüche angehen!”
Vielen Dank. Und eines noch: Warum tragen Sie keine gestreifte Kleidung? Oder vielleicht könnten sie einfach so tun als seien sie eine französischsprachige Katze. Der Geruch in diesem Raum ist nun wirklich vertraut und ein Stinktier braucht jede Hilfe, die es kriegen kann.
William H. Gross
Managing Director