Dieser Artikel erschien unter ft.com am 10. März 2010.
Immer wieder sieht sich die Welt einer bedeutenden ökonomischen Entwicklung gegenüber, die zunächst missverstanden und als unbedeutend abgetan wird, dann aber Regierungen, Unternehmen und private Haushalte unvorbereitet trifft.
Wir haben in den vergangenen zehn Jahren einige Beispiele gesehen. Dazu zählt etwa der Aufstieg Chinas zu einem der wichtigsten EInflussfaktoren auf Wachstum, Preise, Beschäftigung und die Vermögensdynamik weltweit. Ich würde auch die dramatische Übertreibung und den folgenden spektakulären Zusammenbruch des Häusermarktes und der Schattenbanken in den finanzbasierten Volkswirtschaften der USA und Großbritanniens nennen.
Derzeit sollten wir alle einem neuen Thema Beachtung schenken: der gleichzeitigen und drastischen Verschlechterung der öffentlichen Finanzen in vielen der entwickelten Volkswirtschaften. Gegenwärtig zeigt sich das vor allem – und übertrieben – durch das enge Prisma Griechenland. In einiger Zeit wird dieses Phänomen als das erkannt werden, was es wirklich ist: ein signifikanter Regimewechsel in den Industriestaaten mit langfristigen Folgen. Um diese Entwicklung zu antizipieren und nicht von ihr überrascht zu werden, sollten wir die folgenden sechs Punkte beachten.
Erstens: Die gegenwärtigen Ereignisse lassen sich auf dem einfachsten Niveau als jüngste in einer Reihe von Störungen charakterisieren. 2008 und 2009 mussten die Regierungen eingreifen, um der gleichzeitigen Implosion des Häusermarkts, des Finanzsystems und des Konsums zu begegnen. Heute muss sich Welt mit den Konsequenzen der damaligen Maßnahmen und der Art ihrer Durchführung auseinandersetzen.
Die US-Staatsverschuldung ist in weniger als zwei Jahren um zuvor unvorstellbare 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angestiegen. Selbst in einem günstigen Wachstumsszenario würde die Schuldenquote wohl über die kommenden zehn Jahre von ihrer viel höheren Basis aus weiter ansteigen.
Viele Veranschaulichungen zeigen die umfassende Natur dieser Erschütterung der öffentlichen Finanzen. Meine bevorzugte kommt von Willem Buiter, dem Chefvolkswirt von Citi. Die Staaten, die Haushaltsdefizite von zehn Prozent und mehr aufweisen, repräsentieren inzwischen mehr als 40 Prozent des globalen BIP und sind meistens Industriestaaten. Über den Großteil der vergangenen 30 Jahre schwankte der Anteil dieser Defizitstaaten am Welt-BIP zwischen 0 und 5 Prozent und es handelte sich dabei überwiegend um Schwellenländer.
Zweitens untergräbt der Schock für die öffentlichen Finanzen die analytische Aussagekraft konventioneller Klassifikationen. Man halte sich nur die frühere Annahme einer deutlichen Teilung in fortgeschrittene und aufstrebende Volkswirtschaften vor Augen. Inzwischen hat eine wachsende Zahl ersterer deutlich schwächere wirtschaftliche und finanzielle Aussichten und erhöhte Anfälligkeiten als eine wachsende Zahl letzterer.
Drittens ist die Frage nicht, ob sich die Regierungen in den fortgeschrittenen Ländern anpassen werden, das werden sie tun. Die entscheidende Frage bezieht sich auf die Natur der Anpassung (geordnet oder ungeordnet, ihren zeitlichen Ablauf und die Nebenwirkungen).
Regierungen streben danach, eine negative Schuldendynamik durch die geordnete (und relativ schmerzfreie) Kombination aus Wachstum und der Bereitschaft des Privatsektors zu lösen, seine Bestände an Staatsanleihen zu halten und gar noch aufzustocken. In einer Welt ungewöhnlich hoher Arbeitslosigkeit, gedämpfter Wachstumsdynamik sowie anhaltend hoher Defizite und regulatorischer Unsicherheiten stehen einer solchen Lösung jedoch deutliche Probleme im Weg.
Staaten werden daher gezwungen sein, schwierige Entscheidungen hinsichtlich Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zu treffen. Wenn nicht rechtzeitig Maßnahmen eingeleitet werden, wird sich das Spektrum denkbarer Alternativen erweitern um das „Weginflationieren“ der exzessiven Verschuldung sowie im Extremfall Default und Konfiszierung.
Viertens können Regierungen anderen Sektoren der inländischen Wirtschaft Lösungen aufzwingen. Das tun sie, indem sie Ressourcen nutzen und umlenken. Besonders relevant ist das, wenn es nur begrenzte grenzüberschreitende Ausweichmöglichkeiten gibt. Das ist angesichts der umfassenden Natur des Schocks für die öffentlichen Finanzen der Fall.
Fünftens wird die internationale Dimension die interne fiskalische Anpassung in den Industriestaaten komplizieren. Die Wirksamkeit jeder haushaltspolitischen Konsolidierung ist nicht nur eine Funktion der Entschlossenheit und Fähigkeit der Regierung, Maßnahmen über einen mittleren Zeithorizont durchzuführen. Sie wird auch durch die Maßnahmen beeinflusst, die in anderen Ländern beschlossen werden.
Diese fünf Punkte unterstützen alle die Sichtweise, dass der Schock in den Staatshaushalten für viele Märkte und Sektoren höchst bedeutsam ist. Doch momentan herrscht noch die Einstellung vor, den Schock als isoliert, zeitlich begrenzt und reversibel zu betrachten.
Das führt zum sechsten und letzten Punkt. Wir sollten verzögerte Folgen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor erwarten (anstatt von ihnen überrascht zu werden). Es gibt keine fertigen Drehbücher, wenn es um die neuen systemischen Themen geht. Daher greifen viele auf vergangenheitsorientierte Analysemodelle zurück, was dazu beiträgt, dass die Bedeutung neuer systemischer Phänomene angezweifelt wird.
Es gibt eine weitere Komplikation. Die frühzeitige Erkenntnis ist wichtig aber nicht ausreichend. Ihr muss die richtige Antwort folgen. Die Erfahrung lehrt, dass es Unternehmen und Regierungen nicht leicht fällt, sich der Dominanz vergangenheitsorientierter interner Entscheidungen und Verpflichtungen zu entziehen.
Wohin führt uns das? Unserer Einschätzung nach wird die Bedeutung des Schocks für die öffentlichen Finanzen in den entwickelten Volkswirtschaften noch nicht ausreichend erkannt und verstanden. Mit der Zeit wird sich der Schock jedoch als höchst bedeutsam erweisen. Je früher dies erkannt wird, desto größer ist die Chance, die Veränderungen zu antizipieren statt von ihnen getroffen zu werden.