Die tragischen Ereignisse in Griechenland und die finanzielle Ansteckung anderer Länder in der Euro-Peripherie haben den meisten Anlegern bewusst gemacht, dass es wichtig, ja sogar sehr wichtig ist, die Risiken von Staatspapieren zu berücksichtigen. Unglücklicherweise hat diese späte Erkenntnis bereits erheblichen Schaden verursacht; so haben beispielsweise die Reaktionen der Märkte den bisherigen Ansatz der Europäischen Einigung in Frage gestellt.
Bereits jetzt ist klar, dass die Konsequenzen – sowohl die negativen als auch die positiven – nicht auf Europa beschränkt sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema auf der ganzen Welt die Politik, Marktbewertungen und die Korrelationen von Märkten treiben wird.
Dabei ist der Gesamtzusammenhang entscheidend und sollte nicht übersehen werden. Ich hatte bereits in meinem Kommentar in der Financial Times vom 11. März argumentiert, dass der explosionsartige Anstieg der Staatsschulden in den Industriestaaten einen Regimewechsel mit sich bringt, der langfristige Effekte haben wird: Was gerade in Europa passiert, veranschaulicht erneut, wie in unserer hochgradig vernetzten Welt Phänomene, die zuvor undenkbar schienen, plötzlich Realität werden können – auf eine überraschende und hochgradig zerstörerische Weise.
Doch anstatt das Geschehen einfach nur zu beobachten, tun andere Länder gut daran, die Schuldendynamik zu verstehen, die hier am Werk ist. Sie sollten ihre eigene Schuldenlast einer kritischen Prüfung unterziehen und dabei auch berücksichtigen, welche Fälligkeitsprofile ihre Schulden haben und wer ihre Schulden finanziert.
Dabei sollten sie es aber nicht belassen.
Denn die meisten Länder der Welt werden die Nachbeben der griechischen Tragödie zu spüren bekommen. Die Auswirkungen werden sie über den Handel erreichen, über Kapitalflüsse und Finanzmärkte. Und die Konsequenzen werden unterschiedlich ausfallen – einige werden mit großer Sicherheit eintreten oder mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, andere hingegen sind einfach nicht vorhersehbar.
Sicher ist beispielsweise, dass die griechische Krise die gesamtwirtschaftliche Nachfrage drücken wird und dadurch auch Handelsströme ¬– einmal im direkten Handel mit Griechenland, noch viel wichtiger aus globaler Perspektive wird aber sein, dass die Krise die Haushalte der anderen europäischen Länder belastet.
Das wird die Erholung der Weltwirtschaft belasten; bereits jetzt schwächen strukturelle Probleme das, was einmal eine robuste zyklische Erholung war. Das wird den Übergang des Wachstums erschweren – von zeitlich begrenzten Wachstumstreibern (staatlichen Konjunkturpaketen und der Lagerhaltung) hin zu nachhaltigeren (der privaten Nachfrage).
Besonders betroffen werden Länder sein, die in großem Umfang in die Eurozone exportieren. Dazu gehören angrenzende Länder wie Norwegen, Schweden, die Schweiz oder Großbritannien, aber auch geografisch weiter entfernte Volkswirtschaften wie Singapur und Russland.
Der zweite Übertragungsweg sind die Kapitalflüsse und hier ist der Mechanismus nuancierter. Anleger werden auf die Verschlechterung der staatlichen Bonitäten und die zunehmende Volatilität reagieren, indem sie ihr Kapital umschichten und aus der Eurozone abziehen. Davon werden viele Länder profitieren, allen voran die USA. Was das Kapital betrifft, das innerhalb der Eurozone fließt: Dort werden wir eine noch größere Differenzierung als bisher sehen, zugunsten der soliden Kernländer, vor allem Deutschland.
Diese Kapitalflüsse sind keine Zukunftsmusik; sie bilden sich bereits. Und in den kommenden Wochen und Monaten werden sie weiter anwachsen; dann nämlich, wenn Anleger ihre Anlagerichtlinien überarbeiten und hoch volatile Staatspapiere aus ihren „Zinstöpfen“ werfen.
Aber Griechenland ist nur ein Teil eines allgemeinen Phänomens, nämlich aufgeblähter öffentlicher Haushalte und hoher systemischer Risiken. Wir sollten uns deshalb auf einen allgemeinen volatilen Anstieg der Risikoprämien weltweit einstellen. Kapitalgebern wird künftig die Liquidität wichtiger sein als hohe Renditen, sie werden sichere Staatsanleihen Aktien vorziehen und werden sich genauer ansehen, wo sie investieren. 1
Der dritte Übertragungsweg ist der am wenigsten vorhersehbare. In den kommenden Monaten und Jahren werden weltweit neue Regeln für die Finanzmärkte geschrieben, um die Risiken von Ansteckungen zu senken und grenzüberschreitende Kapitalströme einzudämmen. Bereits in den kommenden Tagen sollten wir uns Sorgen über zunehmende Störungen im europäischen Bankensystem machen: Die Unsicherheit darüber, wer wie stark an der europäischen Peripherie engagiert ist, wird die Interbankengeschäfte zwischen den Instituten weiter stark belasten.
Wohin führen uns diese Überlegungen?
Die griechische Krise ist bereits zu einem regionalen Schock der Eurozone geworden und sie steht jetzt kurz davor, ein weltweites Phänomen zu werden.
Einige Länder werden von dieser Entwicklung profitieren, vor allem weil ihnen Kapital aus der Eurozone zufließen wird. Für die Mehrzahl der Länder gilt das allerdings nicht. Und selbst jene, die von der Entwicklung kurzfristig profitieren, sollten wachsam und reaktionsbereit bleiben. Wie die meisten Länder weltweit werden auch sie die Konsequenzen zu spüren bekommen – in Form geringerer internationaler Nachfrage und der Störungen im weltweiten Bankensystem.
1 Alle Anlagen enthalten Risiken und können an Wert verlieren