Je eher dieser unangenehme Vergleich offen diskutiert wird, desto größer die Chance, dass die USA ein "verlorenes Jahrzehnt", wie es in Lateinamerika genannt wird, noch abwenden: schwaches Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, große Armut und Umschuldungsaktionen. Noch vor wenigen Jahren war das unvorstellbar, heute nicht mehr. Warum? Weil einige Industrieländer, darunter die USA, sich nicht mehr in den gewohnten wirtschaftlichen Zyklen bewegen. Sie leiden jetzt unter schwerwiegenden strukturellen Problemen.
Die Anzeichen dafür sind unübersehbar. Da ist zum Beispiel der für Friedenszeiten beispiellose Anstieg der Staatsschulden. Dazu kommt die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit. Außerdem das Ausmaß, in dem private Investoren ihre Anlagen umschichten, um Risiken abzubauen, während große Konzerne und Banken Rekordsummen an Bargeld horten. All das geschieht in einem Land, wo Bürger wie Unternehmen ihr Bargeld normalerweise nicht schnell genug ausgeben können. Und es geschieht zu einer Zeit, wo die Notenbank dramatisch die Zinsen gesenkt hat, um uns alle zu mehr Schulden und mehr Risiko zu ermuntern.
Die USA sind nicht das erste Land in dieser Situation. Sie erleben vielmehr den Beginn eines Films, der in anderen Regionen schon gelaufen ist. Ich denke dabei nicht nur an Japan. Der Vergleich mit den Schwellenländern scheint mir noch aufschlussreicher zu sein, um das Geschehen zu verstehen.
Viele von uns erinnern sich an das "Wunder Asiens", das sich in eine Finanzkrise verwandelte. Oder den Wachstumsrausch Mexikos, aus dem die "Tequila-Krise" wurde. In beiden Fällen dauerte es Jahre, um die Verschuldung abzubauen, die vor der Krise angehäuft wurde.
In Lateinamerika in den 80ern gelang es einigen Ländern wie Chile und Kolumbien, sich der "verlorenen Dekade" zu entziehen. Aber das waren Ausnahmen. Andere Länder litten trotz deutlicher Unterstützung von außen unter schwachem Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme. Umschuldungen wurden notwendig. Daraus erwuchsen Spannungen, die es wiederum erschwerten, der Krise politisch zu begegnen.
Um diesem Schicksal zu entgehen, müssen die USA vier Punkte beachten. Sie müssen sich offen der Situation stellen. Sie müssen die heutigen kurzfristigen Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur durch ein in sich stimmiges Paket mit strukturellen Reformen ergänzen. Sie müssen all das viel klarer kommunizieren. Und sie müssen zu Hause die nötige Unterstützung für ihre Politik mobilisieren, während sie zugleich international für eine gute Koordinierung sorgen.
Wie sind die USA überhaupt in diese Situation geraten? Es gilt inzwischen als ausgemacht, dass das Land vor der Krise seine Bilanzen überdehnt hat. Es war die große Zeit der Verschuldung und der Kreditverbriefung. Privatleute kauften Häuser, die sie sich nicht leisten konnten, und finanzierten sie mit "exotischen" Hypotheken, die sie nicht richtig verstanden. Banken gingen Kreditrisiken ein, ohne sie ausreichend zu analysieren und zu kontrollieren. Und vor allem kleinere und mittlere Unternehmen finanzierten neue Geschäfte unter der Annahme, dass es immer ausreichend Kredit geben würde.
Wie so oft zuvor, dauerte diese "große Zeit" zu lange. Und als sie von der Realität eingeholt wurde, geschah dies schnell und schmerzhaft. Die USA leiden heute unter den Konsequenzen einer mehrfachen Überschuldung: bei den Bürgern, den Banken, den kleinen und mittleren Unternehmen und beim Staat. Überschuldung hat die lästige Eigenschaft, von neuen Investments abzuschrecken: Bei einem Sturm wartet man lieber ab, statt vor die Tür zu gehen.
Die gute Nachricht ist, dass Amerikas Lage nicht so dramatisch ist wie die von einigen peripheren europäischen Ländern wie Griechenland. Doch die drohenden Konsequenzen sind für ein großes Industrieland höchst ungewöhnlich - vor allem, weil diese Konsequenzen globale Folgewirkungen haben. Die USA sind die größte Volkswirtschaft der Welt, sie verfügen über die Welt-Reservewährung und die größten und liquidesten Finanzmärkte. Noch hat die Regierung Zeit, sich dieser Situation zu stellen. Aber je länger das dauert, desto mehr wächst die Gefahr eines verlorenen Jahrzehnts.