F: Wie beurteilen Sie die Wachstumsdynamik der Schwellenländer und ihren Anteil an der Weltwirtschaft?
Rahman: Wir rechnen damit, dass die Schwellenländer auf längere Sicht (d.h. drei bis fünf Jahre) ein höheres Wirtschaftswachstum als die Industriestaaten verzeichnen werden (von durchschnittlich 6% gegenüber 2%). Der Wandel der Weltwirtschaft ist bereits in vollem Gange und untermauert diesen Trend. Im Wesentlichen beobachten wir eine Verlagerung von einer unipolaren Welt, die von einem festverankerten Block aus Industriestaaten dominiert wird, zu einer multipolaren Welt, in der große Schwellenländer zu immer wichtigeren Akteuren für die Weltwirtschaft werden.
Innerhalb des Schwellenländeruniversums erwarten wir einen differenzierten Wachstumsverlauf. In Lateinamerika und Asien rechnen wir mit einem Wirtschaftswachstum in der Größenordnung von 6% bis 7% dank der niedrigen Verschuldung, der kräftigen, strukturell bedingten Rohstoffnachfrage und der voraussichtlich weichen Landung Chinas. Hingegen dürfte in den europäischen Schwellenländern, insbesondere den höher verschuldeten, das Wachstum kaum 4% überschreiten.
Als Anlageregion relevant sind Schwellenländer vor allem aufgrund der starken Diskrepanz zwischen der gegenwärtigen Positionierung der Anleger und den globalen ökonomischen Realitäten nach der Krise. Speziell denken wir, dass die internationalen Investoren den derzeitigen und künftigen Anteil der Schwellenländer an der Weltwirtschaft sowie ihre relative fundamentale Bonität in ihren Portfolios nicht berücksichtigt haben und so deren Untergewichtung vorerst beibehalten werden. In dem Maße, in dem an den Märkten die neue, von uns postulierte Normalität einkehren wird, wird die Untergewichtung der Schwellenländer unserer Auffassung nach reduziert, so dass diese Asset-Klasse zu einem langfristigen Aufwärtstrend ansetzen wird.
F: Wie beurteilen Sie die Mittelschicht in den Schwellenländern im Vergleich zu den Industrieländern?
Wie sehen Sie die künftige Entwicklung des Binnenkonsums in den Schwellenländern?
Rahman: Das Wachstum der Mittelschicht in den Schwellenländern ist ein wichtiger Motor für ihr Wirtschaftswachstum, insbesondere da die Konsumenten in den Industrieländern derzeit einen Prozess des Schuldenabbaus durchleben. Der Definition der Weltbank zufolge (Bericht vom Dezember 2006) wird sich die weltweite Mittelschicht von 400 Millionen im Jahr 2000 auf 1,2 Milliarden bis 2030 verdreifachen, wobei der Großteil dieser Zunahme auf China und Indien entfallen wird. Um diese Zahl in die richtige Perspektive zu rücken, bedeutet dies, dass 2030 die weitaus meisten Angehörigen der weltweiten Mittelschicht in den heutigen Schwellenländern leben werden.
Abgesehen von großen Fortschritten bei der Bekämpfung der Armut werden durch diese Verlagerung gigantische neue Verbrauchermärkte entstehen, denn der Konsum wird sich von Ernährung und Wohnen schon bald auf langlebige Konsumgüter und Dienstleistungen ausdehnen. Bereits heute stellen wir bei Autos, Kühlschränken und Unterhaltung ein dynamisches Wachstum fest. Wir rechnen mit einer Fortsetzung dieser Entwicklung im kommenden Jahrzehnt und prognostizieren für den Schwellenländerkonsum ein reales Wachstum um 50%.
F: Anderes Thema - könnte die Inflation den Wachstumshorizont der Schwellenländer verdüstern?
Rahman: Die Inflationsdynamik der Schwellenländer hat im vergangenen Jahrzehnt durch die höhere Unabhängigkeit der Zentralbanken und den Rückgang der Ḁskalischen Dominanz sowie der Indexierung der Löhne zwei einschneidende Veränderungen erfahren. Erstens sind die Inflationsraten in den Schwellenländern von den früher üblichen zweistelligen Werten für die Verbraucherpreisinflation auf eine Größenordnung von 4% bis 6% gefallen. Zweitens ist die Schwankungsanfälligkeit der Inflation infolge von stärker verankerten Inflationserwartungen gesunken.
Auf absehbare Zeit wird angesichts unserer Prognose eines soliden Schwellenländerwachstums und der Entschuldung in den Industrieländern der derzeitige Abstand von 2% bis 3% zwischen den Schwellen- und den Industrieländern wohl bestehen bleiben. Wichtig ist jedoch, dass sich dieser Abstand auf längere Sicht nicht wesentlich vergrößert. Natürlich ist dieses Basisszenario mit Unsicherheitsfaktoren behaftet, wie z.B. potenziellen Ausschlägen bei den Rohstoffpreisen und Kursblasen an den Finanzmärkten, aber die oben erwähnte fundamentale Verlagerung der Inflationserwartungen verschafft den geldpolitischen Instanzen in den Schwellenländern Spielraum zur Bekämpfung solcher Schocks.
F: Was unternehmen die Zentralbanken der Schwellenländer zur Eindämmung der Inflation, und welche Auswirkungen hat ihre Geldpolitik?
Rahman: Die Zentralbanken der Schwellenländer haben die geldpolitischen Anreize aus der Zeit der Krise nur sehr behutsam abgebaut, beobachten aber jedes Anzeichen für eine Spekulationsblase infolge hoher kurzfristiger Kapitalzuflüsse mit Argusaugen. So setzen sie eine Kombination verschiedener Tools ein. Sie heben die Pflichtreserven an und ergreifen Maßnahmen auf makroökonomischer Ebene (Beispiel: Einführung einer Steuer auf ausländische Kapitalzuflüsse mit Laufzeiten von unter zwei Jahren in Brasilien). Einige haben ihre Währungen aufwerten lassen, wodurch der Preisdruck durch importierte Waren sinkt.
Wichtig ist, dass die Zentralbanken solche Maßnahmen in Verbindung mit der Anhebung der Leitzinsen und Bemühungen zur Konsolidierung der Staatshaushalte ergreifen. Die Herausforderung für die Zentralbanken der Schwellenländer liegt darin, die Inflationserwartungen unter Kontrolle zu halten und glaubwürdige Inflationsziele zu formulieren. Wir denken, dass sie dafür gut gerüstet sind.
F: Manche Schwellenländer sind von der Freigabe – dem Floaten – ihrer Währungen nicht sehr angetan. Wie beurteilt PIMCO dies, und welche Auswirkungen hat es auf die Kurse?
Rahman: Aus fundamentaler Sicht denken wir, dass die meisten Schwellenländerwährungen auf lange Sicht unterbewertet bleiben werden. Ungeachtet von Unterschieden in der Öffnung des internationalen Handels, im Inflationsmomentum und in der Zusammensetzung der Kapitalzuflüsse zeigt dies, dass es für eine Freigabe der Wechselkurse mehrere Möglichkeiten gibt.
Die asiatischen Länder, die bislang eine reale Aufwertung ihrer Währungen nur in begrenztem Maß zugelassen haben und sich wachsenden inflationären Spannungen gegenübersehen, sind für eine nominale Aufwertung aufgeschlossener. Wir rechnen mit einer Fortsetzung dieses Trends, der durch die „Ent-Dollarisierung“ des chinesischen Renminbi erleichtert werden dürfte.
Andere Schwellenländer dürften der weiteren Aufwertung ihrer Währungen Widerstand leisten, insbesondere einige Länder Lateinamerikas, die infolge kräftiger Kapitalzuflüsse eine rasche reale Aufwertung über das Vorkrisenniveau hinaus verzeichnet haben.
F: Was sollten Anleger bei Schwellenländerinvestments also beachten?
Rahman: Wir denken, dass die Schwellenländer in internationalen Portfolios eine immer größere Rolle spielen werden, da die Anleger die von uns postulierte neue Normalität immer stärker als Fakt hinnehmen. Ein Dreh- und Angelpunkt dieses Prozesses wird die Verlagerung von einer taktischen Schwellenländerbeimischung in internationalen Portfolios auf eine integrale (und zunehmende) strategische Schwellenländerkomponente sein. Unsere Analysen haben ergeben, dass die Schwellenländer im Verhältnis zu ihrer globalen wirtschaftlichen und Ḁnanziellen Bedeutung deutlich untergewichtet sind, so dass sie über viele Jahre hinweg strukturelle Stützung erfahren werden.
Vor diesem Hintergrund sind Schwellenländer-Lokalwährungsanleihen höchst attraktiv, insbesondere aufgrund der erwarteten langfristigen Aufwertung der Schwellenländerwährungen, der Öffnung der Binnenmärkte und der hohen Renditen im Verhältnis zu den makroökonomischen Fundamentaldaten. Interessant Ḁnden wir auch auf US-Dollar lautende Staats- und Unternehmensanleihen aus Schwellenländern, da der Reifeprozess der Schwellenländer-Staatsanleihenmärkte voranschreitet und ausgewählte Unternehmensanleihen höhere Renditen und DiversiḀkationsvorteile als ihre Pendants aus Industrieländern bieten können.
Natürlich muss man damit rechnen, dass die lange Reise in die neue weltwirtschaftliche Normalität nicht völlig reibungslos verlaufen wird. So können Anlagen in ausländischen Wertpapieren, z.B. aus Schwellenländern, mit einer erhöhten Volatilität infolge von Faktoren wie Wechselkursschwankungen bzw. politischen oder wirtschaftlichen Risiken verbunden sein. Auch können durch die Zunahme des Interesses der internationalen Anleger an Schwellenländerinvestments die Bewertungen bisweilen etwas ausgereizt werden. Alles in allem jedoch bieten die Schwellenländer dank ihrer soliden wirtschaftlichen Fundamentaldaten und ihrer zunehmen globalen Bedeutung auf lange Sicht überzeugende Chancen.