Die Finanzkrise des vergangenen Jahres nahm ihren Ausgang in den USA und dort hatte sie auch die stärksten Folgen, die noch auf Jahre hinaus spürbar sein werden. Doch nicht nur die USA werden sich anpassen müssen. Praktisch jedes Land, auch in Europa, hat Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen und weitere werden folgen. Denn angesichts der geschwächten Rolle der USA im Zentrum der Weltwirtschaft sehen sich die anderen Länder einem beschleunigten globalen Systemwandel ausgesetzt.
Über die große Bedeutung der US-Wirtschaft als globaler Wachstumsmotor des letzten Jahrzehnts wurde schon viel diskutiert. Und es wurde auch viel über die mangelnde Nachhaltigkeit des Modells gesprochen, das von Verschuldung zur Finanzierung exzessiver Konsumausgaben abhing. Es wird in den nächsten Jahren keine rasche Rückkehr zu diesem konsumgetriebenen starken US-Wachstum geben. Stattdessen befindet sich die Weltwirtschaft mitten in der Umstellungsphase von einem großen auf zahlreiche kleinere Wachstumsmotoren.
Die Frage ist nicht, ob dieser Übergang kommen wird. Er ist ein Teil der "neuen Normalität", die aus der Krise hervorgehen wird. Lediglich der zeitliche Ablauf und die Intensität des Übergangsprozesses sind noch ungewiss.
Die neuen Wachstumsmotoren sind weder groß genug noch ausreichend hoch entwickelt, um den Leistungsabfall des US-Motors auszugleichen. Die „neue Normalität" wird zwar auf Dauer ein breiter aufgestelltes und nachhaltigeres globales Wachstum bringen, allerdings bei geringerer weltwirtschaftlicher Aktivität im Vergleich zum US-zentrierten System vor der Krise.
Viele europäische Firmen beobachten bereits die West-Ost-Verlagerung der Nachfrage nach ihren Produkten. Für einige Firmen bedeutet dies eine Neuorientierung und Neudimensionierung ihrer Aktivitäten in einer Welt, in der die aufkommende Mittelklasse in Ländern wie China und Indien nach und nach an die Stelle kauffreudiger US-Verbraucher tritt. Andere Firmen dagegen erkennen, dass Kapital aus dem Osten in immer größerem Umfang den Erwerb von Vermögenswerten und Einnahmen aus dem Tourismus treibt.
Die europäischen Regierungen passen sich ebenfalls an diese Veränderungen an, die in manchen Fällen über lange Jahre aufgebaute, aus der Welt vor der Krise stammende Ansprüche erodierten. Dies ist nirgendwo offenkundiger als beim Übergang von G-7 zu G-20 bei Fragen der internationalen politischen Koordination oder beim Internationalen Währungsfonds (IWF), wo - wenn auch noch zu zögerliche - Bestrebungen im Gange sind, Stimmrechte vom überrepräsentierten europäischen Block an die unterrepräsentierten Schwellenländer abzutreten.
Alle diese Veränderungen sind real und dauerhaft. Doch sind sie nur ein Teil der Herausforderungen, denen sich Europa bei der Bewältigung der vielschichtigen, durch die Finanzkrise des vergangenen Jahres extrem beschleunigten Neuausrichtung der Weltwirtschaft gegenüber sieht. Die Anpassungen in Folge der Verlagerung des globalen Wachstums könnten nämlich relativ simpel ausfallen, verglichen mit denjenigen, die andere Veränderungen der weltwirtschaftlichen Rolle der USA notwendig machen.
Bis kurz vor der Krise haben die USA auf Grund ihrer Stellung im Zentrum des Wirtschaftssystems dem Rest der Welt zumindest drei weitere wichtige "öffentliche Güter" bereitgestellt. Erstens: ihre Währung, den US-Dollar als globale Leitwährung. Zweitens: ihren großen und liquiden Finanzsektor als Quelle zur grenzüberschreitenden Mobilisierung und Bereitstellung von Krediten. Drittens: ihre Staatsschulden als wirklich risikofreies (echtes „AAA“) Rating und damit als Messlatte für die Bestimmung von Wertpapierpreisen weltweit.
Der weltweite Status dieser drei öffentlichen Güter wurde von der Krise in einer Weise beeinflusst, die sich erst im Laufe der Zeit in ihrem gesamten Ausmaß offenbaren wird. Angesichts des Schocks, den jedes der von den USA bereit gestellten öffentlichen Güter erfahren hat, ist mit großer Zuverlässigkeit vorhersagbar, dass das globale System nicht zum alten Normalzustand aus dem Jahr 2007 zurückkehren wird. Allerdings ist es schwierig vorherzusagen, wie es sich genau entwickeln wird.
Unter „Kern-Peripherie-Dynamik“ werden sich vor allem System-Ingenieure etwas vorstellen können. In den meisten komplexen Systemen werden höchst zuverlässige Trennschalter verwendet, um den Kern vor der schockanfälligen Peripherie zu schützen. Diese Trennschalter sind weniger wirkungsvoll beim Schutz des Kerns vor sich selbst. Eine Krise, die den Kern trifft - wie dies vergangenes Jahr bei der Weltwirtschaft der Fall war, als die USA strauchelten – bringt meist tief greifende, längerfristige und in einigen Fällen unvorhersehbare systemische Auswirkungen.
Es gibt keinen sofort verfügbaren Ersatz für die USA bei der Bereitstellung weltweiter öffentlicher Güter. Betrachten wir beispielsweise Europa: Der Euro stellte eine wichtige internationale Währung dar, verfügt aber bisher noch nicht über die Eigenschaften, die nötig wären, um den Dollar als globale Leitwährung zu ersetzen. Und die europäischen Regierungen möchten das auch gar nicht unbedingt. Die europäischen Finanzmärkte sind zwar hoch entwickelt, aber noch zu fragmentiert und eng, um auf der globalen Bühne die Rolle des US-Marktes zu übernehmen. Schließlich wird die Stellung starker europäischer Länder wie Deutschland und Frankreich als Kreditnehmer immer wieder von Sorgen beeinflusst, was an anderen Stellen der Europäischen Union passiert.
Diese Überlegungen legen den Schluss nahe, dass sich der Kern des globalen Systems nach der Krise nicht sofort regenerieren wird. Die Länder müssen die aus einem geschwächten Kern resultierenden Unsicherheiten bewältigen. Nationale Regierungen wären gut beraten, dies auf nationaler und regionaler Ebene zu berücksichtigen. Investoren wären gut beraten, auf die Möglichkeit zu bestehen höhere Renditen zu erzielen, wenn sie ihre Mittel in diesem globalen Umfeld einsetzen. Und die Staatengemeinschaft schließlich sollte ihre Energien darauf konzentrieren, gemeinsam Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen, statt diese der Unberechenbarkeit und eventuellen Störungen eines in seinem Kern geschwächten globalen Systems zu überlassen.
Dr. Mohamed A. El-Erian ist CEO und Co-CIO von PIMCO – ein Unternehmen von Allianz Global Investors