Der Oberkörper eines 67-jährigen ist kein schöner Anblick. Ich weiß wovon ich rede: Egal wie viele Sit-Ups ich während meines täglichen Workouts mache, nichts tut sich bei den Bauchmuskeln. Weder an meinem Rumpf, noch irgendwo anders. Das liegt vielleicht auch daran, dass im Laufe der vergangenen rund fünfzig Jahre der Inhalt vieler Budweiser Six-Packs in meinen Bauch geflossen ist. Auf jeden Fall kann ich meinen Rettungsring nicht mehr übersehen und halte mich inzwischen an den Rat meiner Frau Sue: Auf die Waage steige ich nur, wenn ich morgens gerade aus dem Bett komme. Nicht nur, dass wir morgens weniger wiegen; so früh ist das Licht auch noch gedämpft. Und wenn ich es dann noch schaffe, mich am Badezimmerspiegel vorbeizuschleichen und meinen Kopf in die andere Richtung zu drehen: Umso besser!
Mich tröstet einzig, dass ich mich mit meinen Figurproblemen in guter Gesellschaft befinde. Die Fünfziger sind offenbar das Lebensjahrzehnt, in denen der Muffin beginnt, sich über den Rand des Backförmchens zu wölben. Selbst eine Testosteronbombe wie Arnold Schwarzenegger ist dagegen nicht immun, den ich vor fünf Jahren auf Hawaii traf. Er trug Badehosen und ich kann Ihnen berichten, dass die Arme und, nun ja, auch der Bauch selbst bei ihm nicht mehr ganz straff waren. Mit dem Terminator, den ich aus dem Kino kenne, hatte er wenig zu tun. Tatsächlich gibt es nur einen Mann, der es meiner Ansicht nach geschafft hat, trotz voranschreitenden Alters seinen Bauch unter Kontrolle zu halten: Jack LaLanne, der Begründer der Fitnessbewegung in den USA. Allerdings hat er das nur geschafft, indem er Boote von der Gefängnisinsel Alcatraz nach San Francisco gezogen hat - mit seinen Zähnen. Ich wette, dass seine Beißerchen kein schöner Anblick waren, selbst wenn er mit 80 Jahren immer noch seine eigenen hatte. Außerdem: All diese Gemüsesäfte, für die er im Teleshopping geworben hat, das ist nicht mein Stil. Ich kann mir auch nicht vorstellen, sie mit einem Lächeln herunterzustürzen und so zu tun, als würden sie gut schmecken, so wie er es jahrelang gemacht hat. Ich glaube, ich würde sogar das Abführmittel bevorzugen, das ich vor meinen Darmspiegelungen schlucken muss.
Meine Frau Sue erwähnt meinen Rettungsreifen nie; das ist ihrer liebevollen Art geschuldet. Aber ich weiß, dass sie sicherlich ab und zu hinschaut. Wenn ich enge Golf- Hemden trage versuche ich, sie so luftig wie eine Bluse zu tragen, aber ein Hemd hat nun mal nicht unbegrenzt Stoff. Schwimmen zu gehen ist auch ein großes Problem. Wenn ich am Strand bin, ziehe ich meine Badehose bis über den Bauchnabel und ehrlich gesagt ist dieser Anblick eigentlich noch viel schlimmer. Und niemals, wirklich niemals zeige ich Sue meinen Hintern. Ich selbst habe ihn seit 20 Jahren nicht mehr mit eigenen Augen gesehen und habe Angst, dass ich erschrecken würde, wenn ich ihn selbst einmal zu Gesicht bekommen würde. Wahrscheinlich würde ich Sue darum bitten, eine Pistole zu kaufen und mich zu erschießen, bevor Fett und Cellulite weiteres Unheil anrichten.
Die heutige Schuldenkrise als Plautze zu bezeichnen, wäre noch eine freundliche Beschreibung. Hier geht es nicht mehr nur um ein Bierbäuchlein; die Bilanzen der Staaten ähneln eher einem übergewichtigen Diabetiker, der kurz vor dem Herzinfarkt steht. Trotzdem, wenn Politiker sich weltweit auf strukturelle Lösungen konzentrieren könnten anstatt auf zyklische finanzielle Lösungen, dann wäre auch unter den Bedingungen der neuen Normalität Wachstum statt Rezession möglich. Einige der strukturellen Herausforderungen haben Mohamed El-Erian und ich in den vergangenen Jahren schon häufiger öffentlich angesprochen: 1) Die Globalisierung hat die Arbeitsmärkte der fortgeschrittenen Volkswirtschaften ausgehöhlt. 2) Der technologische Fortschritt hat ganze Industrien obsolet gemacht, die immer noch physische Produkte herstellen, anstatt äquivalenter Produkte und Dienstleistungen, die in der digitalen Cloud liegen. Bücher, Schallplatten, Briefe und DVDs sterben gerade aus. 3) Eine alternde Bevölkerung sorgt in fast allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften dafür, dass Sparen wichtiger wird als Konsum.
Diese drei strukturellen Wirbelwinde waren verantwortlich dafür, dass sich unsere Six-Pack-Volkswirtschaft in einen Fettansatz verwandelt hat. Globalisierung und technischer Fortschritt haben die heimischen Löhne und die heimische Beschäftigung negativ beeinflusst. China und die Digitalisierung haben viele Produkte und Dienstleistungen billiger gemacht, wirken sich aber gleichzeitig in fortgeschrittenen Volkswirtschaften sehr beschäftigungsfeindlich aus. Schumpeters “kreative Zerstörung” hat zwar die Märkte für bestimmte Produkte und die dazugehörenden Arbeitsmärkte zerstört, aber neue Arbeitsplätze zu schaffen, das hat sie nicht geschafft. Um unsere Kalorienaufnahme konstant zu halten, hat die Politik in den vergangenen Jahren das Anhäufen von Schulden unterstützt, anstatt Anreize zum Sparen zu setzen. Sinkende Zinsen, niedrigere Steuern, Deregulierung und Finanzinnovationen haben dafür gesorgt, dass finanzielle Vermögenswerten gewachsen sind. Und dieses Wachstum hat zukünftige Gewinne und Kaufkraft auf unrealistische Rekordhöhen getrieben, wie zuletzt vor dem Platzen der Internetblase und der Immobilienblase. Die Industrienationen gleichen inzwischen nicht mehr dem jungen muskelbepackten Arnold Schwarzenegger sondern einem 50-Kilo-Leichtgewicht.
Aber, zurück zu meiner ursprünglichen Kritik an den zyklischen finanzbasierten Lösungen, die strukturellen Lösungen vorgezogen wurden: Beinahe alle Maßnahmen, die Regierungen und supranationale Organisationen bis heute vorgeschlagen haben, sind darauf ausgerichtet Kapital gegenüber Arbeit zu bevorzugen. Dieses Vorgehen fußt auf dem Prinzip Hoffnung: Wenn die Banken nur stabilisiert werden können, wenn die “Märkte” nur wieder in Richtung der ehemaligen Rekordwerte marschieren könnten, wenn Zinssätze nur niedriger sein könnten, so dass potentielle Kreditnehmer den Köder unweigerlich annehmen müssen - dann würden auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Das hat allerdings nicht funktioniert. Diese Strategie ist auch gescheitert weil die Finanzwirtschaft und die so genannte “Realwirtschaft” symbiotisch miteinander verbunden sind. Wenn der eine auf Kosten des Anderen profitiert, dann wanken letztlich beide.
Dass gegenwärtig ein Ungleichgewicht vorherrscht, zeigt die Grafik 1 deutlich. Sie zeigt die Unternehmensgewinne vor Steuern als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dieser Wert ist in den vergangenen 30 Jahren von acht Prozent auf 13 Prozent des BIP angestiegen. Ganz offensichtlich war das “Kapital” der zyklische und langfristige Gewinner - anders als die “Arbeit”. Dabei lässt der gesunde Menschenverstand den Schluss gar nicht zu, dass die eine oder die andere Größe einen Vorteil haben sollte. Zugegeben, die Rendite auf Kapital sollte aus logischen Gründen höher sein als die Rendite auf Arbeit; und sei es nur, um zum Sparen zu ermutigen. Aber sobald sich ein historischer Mittelpunkt oder eine historische Spanne herausgebildet hat, sollte man auch ein relatives Gleichgewicht beobachten können. Selbst Konservative müssen anerkennen, dass die Erträge auf Kapitalvermögen und die liquiden Aktien und Anleihen die diese Investitionen imitieren, letztlich von den Erträgen der Arbeit abhängen, in der Form von Arbeitsplätzen und realen Lohnsteigerungen. Wenn die arbeitende Bevölkerung arbeitslos und unterbezahlt ist, sind die Erträge für das Kapital nur begrenzt. Bis vor Kurzem war die wirtschaftliche Erholung relativ robust, zumindest für alle jene, die Kapital eingesetzt hatten. Das galt allerdings nicht so sehr für die Arbeiter, die diesen Kapitaleinsatz überhaupt erst ermöglicht haben. Zinssätze von beinahe null Prozent haben es möglich
gemacht, dass Gewinnmargen trotz anämischer Endverbrauchernachfrage größer geworden sind. Auch die “Produktivität” ist hoch geblieben, aber nur weil es Entlassungen gab und weil Güter und Dienstleistungen deshalb von weniger Menschen produziert wurden. Das ist zwar ein Vorteil für das Kapital, aber es ist offensichtlich, dass die Kosten für Arbeitnehmer dabei hoch sind.

Letztlich jedoch leiden sowohl Arbeit als auch Kapital, wenn die privaten Haushalte Schulden abbauen, weil sie sich in den Fängen einer Erholung befinden, die keine neuen Stellen schafft. Die Haushalte weigern sich deshalb, die ihnen historisch zugeschriebene Rolle im kapitalistischen System zu spielen - sei es auch nur aus Angst und Konsumerschöpfung. Dieses Phänomen “Arbeitsfalle” sollten die Märkte und das “Kapital” jetzt erkennen: Verbraucher hören auf, Geld auszugeben, weil sie sich vor Arbeitslosigkeit fürchten und vielleicht vor sinkenden realen Löhnen, weil Hauspreise schrumpfen und sie das Vertrauen in den amerikanischen Traum verlieren. Langfristige Gewinne können aber letztlich nicht steigen, wenn die Arbeitenden nicht ebenfalls mehr bekommen. Washington, London, Berlin und ja, selbst Peking müssen diese Wahrheit akzeptieren - die eigentlich auch dem gesunden Menschenverstand entspricht. Neben all den anderen strukturellen Initiativen, mit denen die Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht gebracht werden soll, muss diese Wahrheit akzeptiert werden. Besonders die Vereinigten Staaten brauchen ein verbessertes soziales Netz mit Leistungen für Arbeitslose. Es sei denn, die Volkswirtschaft kann wieder genügend Arbeitsplätze schaffen, um zu unserem vorangegangenen Wirtschaftsmodell zurückzukehren, in dem die Ansicht vorherrschte, dass es genügend Möglichkeiten für alle gab, die bereit waren, sie zu ergreifen. Das ist leider nicht mehr so. Die Politik sollte auch den Kauf amerikanischer Güter und Dienstleistungen fördern. “Buy American”, damit mehr Amerikaner beschäftigt werden können. China und Brasilien tun das, warum nicht wir auch?
Wenn allerdings keine strukturellen Lösungen gefunden werden, sollten Marktbeobachter Aktien und Anleihen als das betrachten, was sie sind: Sie haben keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Fitness-Guru Jack LaLanne, sondern ähneln eher einem 55-jährigen, der fett und außer Form ist - nach Jahren, in denen er sich vernachlässigt hat und nach kurzfristigen Gewinnen gegiert hat, anstatt ein langfristiges Gleichgewicht anzustreben. Für die Halter finanzieller Vermögenswerte sind keine zweistelligen Anlageerträge in Sicht. Anleihen, Aktien und Immobilien sind tatsächlich überbewertet. Denn erstens liegt der Zinssatz nahe null Prozent und zweitens schwankt auch die Wachstumsrate eher um die Nulllinie, anstatt drei oder vier Prozent zu erreichen, wie sie historisch die Norm waren. In künftigen Jahren können wir uns bestenfalls auf eine Wirtschaft der Neuen Normalität freuen, im schlechtesten Fall erwartet uns eine weltweite Rezession. Ein moderner, Budweiser trinkender Karl Marx hätte es vermutlich so formuliert: “Arbeiter der Welt, vereinigt Euch, Ihr könnt nur Eure Six-Packs verlieren.” Er könnte auch hinzugefügt haben: “Anleger und politische Entscheidungsträger dieser Welt, wacht auf - Ihr tötet die arbeitende Gans, das Euch eure goldenen Eier legt.”
William H. Gross
Managing Director